
Stolbur-Krankheit und Schwarzholzkrankheit durch Candidatus Phytoplasma solani
Candidatus Phytoplasma solaniStolbur-Krankheit und Schwarzholzkrankheit durch Candidatus Phytoplasma solani – Kurzüberblick
Candidatus Phytoplasma solani ist ein zellwandloses, phloembewohnendes Bakterium, das bei Kartoffeln, Zuckerrüben, Gemüse, Weinreben, Lavendel und zahlreichen Wildpflanzen Stolbur- beziehungsweise Vergilbungssymptome verursacht. Die Übertragung erfolgt vor allem durch Zikaden, in Deutschland besonders durch bodenbewohnende Arten wie die Schilf-Glasflügelzikade und je nach Wirt durch weitere Vektoren.
Typische Bedingungen
Überblick
Candidatus Phytoplasma solani ist ein zellwandloser, obligat pflanzen- und insektengebundener Erreger aus der Gruppe der Phytoplasmen. Er besiedelt die Siebröhren des Phloems und beeinträchtigt den Transport von Assimilaten und Signalstoffen.
Das Krankheitsbild reicht von Vergilbung, Rotfärbung und Wachstumsstörungen bis zu übermäßiger Seitentriebbildung, Blütenvergrünung, Kleinfrüchtigkeit und vorzeitigem Absterben. Bei Weinreben wird die Erkrankung meist als Schwarzholzkrankheit oder Bois noir bezeichnet, bei Kartoffeln und anderen Nachtschattengewächsen als Stolbur.
Ein sichtbares Symptom allein bestätigt den Erreger nicht. Bei wirtschaftlich wichtigen Kulturen sollte die Diagnose durch ein pflanzenpathologisches Labor, meist mittels PCR aus geeignetem Phloemgewebe, abgesichert werden.
Symptome und Erkennung
- Weinrebe: frühe Gelb- oder Rotfärbung der Blätter, nach unten eingerollte Blattränder, gummiartige oder schlecht ausreifende Triebe, verzögerte Holzreife, vertrocknende Gescheine und ungleichmäßig abreifende Beeren.
- Kartoffel: aufrechte, chlorotische oder rötlich-violette Triebe, verkürzte Internodien, übermäßige Seitenverzweigung, Luftknollen sowie kleine, unregelmäßige oder schlecht ausgebildete Knollen. Das Krankheitsbild kann zusammen mit anderen Erregern auftreten.
- Zuckerrübe: Blattvergilbung, Blattwelke, gestörtes Wachstum und verringerter Zuckergehalt; die Symptome können sich von anderen Vergilbungskomplexen nur schwer unterscheiden.
- Tomate, Paprika und Aubergine: Vergilbung, Zwergwuchs, gestauchte Triebe, vergrünte oder deformierte Blüten, Fruchtansatzstörungen und kleine Früchte.
- Lavendel und Wildpflanzen: Triebvergilbung, Kümmerwuchs und fortschreitender Bestandsrückgang.
Die Ausprägung hängt vom Phytoplasma-Stamm, Wirt, Infektionszeitpunkt und Temperaturverlauf ab; symptomlose oder nur schwach auffällige Pflanzen sind möglich.
Ursachen und Ausbreitung
Die wichtigste Übertragung erfolgt durch phloemsaugende Zikaden. In Europa ist Hyalesthes obsoletus ein zentraler Vektor der Schwarzholzkrankheit; bei Kartoffel- und Zuckerrübenbeständen können außerdem Pentastiridius leporinus und weitere Zikaden beteiligt sein. Die Nymphen erwerben das Phytoplasma typischerweise beim Saugen an infizierten Wurzeln. Erwachsene Tiere übertragen es anschließend bei Saugproben auf gesunde Pflanzen.
Besonders bedeutsam sind Pflanzen, die gleichzeitig als Reservoir und Entwicklungswirt des Vektors dienen. Dazu zählen regional unter anderem Ackerwinde und Große Brennnessel. Weinrebe und viele Kulturpflanzen sind dagegen für bestimmte Vektoren häufig keine geeigneten Entwicklungswirte, können aber beim Adultenflug infiziert werden.
Eine Verschleppung ist außerdem durch infiziertes vegetatives Vermehrungsmaterial, Pfropfung und möglicherweise Wurzelkontakte möglich. Samenübertragung spielt für die epidemiologische Ausbreitung im Feld keine zentrale Rolle.
Lebenszyklus und Überdauerung
Das Phytoplasma überwintert in infizierten mehrjährigen Pflanzen, Wurzeln oder Ausdauerunkräutern sowie in infizierten Kulturpflanzen. Vektornymphen leben bodennah und saugen an Wurzeln; dabei können sie den Erreger aufnehmen. Nach einer Vermehrungs- und Latenzphase im Insekt gelangt das Phytoplasma beim Saugen adulter Zikaden in die Siebröhren neuer Wirtspflanzen.
In Deutschland ist das Risiko besonders während der Flug- und Aktivitätsphase der jeweiligen Zikaden im Sommer relevant. Warme Witterung kann Vektoraktivität und Erregervermehrung begünstigen. Die genaue Jahresdynamik unterscheidet sich nach Vektor, Region, Kultur und Witterungsverlauf.
Die Erregerstämme unterscheiden sich hinsichtlich bevorzugter Reservoirpflanzen, Vektoren und Krankheitsstärke. Deshalb darf ein bei einer Kultur beobachteter Übertragungsweg nicht automatisch auf alle Wirte übertragen werden.
Behandlung und Bekämpfung
Eine bereits systemisch infizierte Pflanze kann im Bestand in der Regel nicht zuverlässig geheilt werden. Bei Einzelpflanzen in Hausgarten, Gewächshaus oder Weinberg ist die vollständige Entfernung einschließlich möglichst vieler Wurzelreste die sicherste Maßnahme. Werkzeuge danach reinigen und desinfizieren, besonders wenn geschnitten oder veredelt wurde.
In landwirtschaftlichen Beständen sollten Befallsherde dokumentiert und gemeinsam mit der zuständigen Beratung bewertet werden. Bei Kartoffeln und Zuckerrüben sind befallene Durchwuchs- und Restpflanzen frühzeitig zu beseitigen, um potenzielle Infektionsquellen zu verringern. Eine Kulturmaßnahme kann die Infektion bereits erkrankter Pflanzen nicht rückgängig machen.
Bei Weinreben ist zwischen einzelnen symptomatischen Stöcken, dauerhaftem Stockausfall und einem regionalen Vektorproblem zu unterscheiden. Nachkontrollen und eine Laborbestätigung sind sinnvoll, bevor größere Rodungen oder umfangreiche Umstellungen erfolgen.
Schonende und biologische Bekämpfung
Eine direkte biologische Heilung infizierter Pflanzen ist nicht etabliert. Der organische beziehungsweise nichtchemische Schwerpunkt liegt daher auf integrierter Quellen- und Vektorreduktion:
- Reservoirunkräuter und Durchwuchs mechanisch, zeitgerecht und über mehrere Jahre kontrollieren, ohne dadurch Erosion oder Biodiversitätsverluste unnötig zu erhöhen.
- Infizierte Pflanzen und Wurzelreste aus kleinen Beständen vollständig entfernen.
- Gesundes Vermehrungsmaterial und hygienische Schnitt- und Pflanzmaßnahmen einsetzen.
- Blühende, strukturreiche Randbereiche so planen, dass sie nicht gezielt als Reservoir- oder Entwicklungsstandorte relevanter Vektoren dienen; gleichzeitig Nützlinge und natürliche Gegenspieler schonen.
- Monitoring, Fruchtfolge, Feldhygiene und räumliche Trennung kombinieren, statt sich auf eine einzelne Maßnahme zu verlassen.
Vorbeugung
- Nur zertifiziertes, geprüftes und symptomfreies Pflanz- und Vermehrungsmaterial verwenden; bei Weinreben, Kartoffeln und vegetativ vermehrten Zier- oder Gewürzpflanzen auf seriöse Herkünfte achten.
- Verdächtige Pflanzen markieren, getrennt beurteilen und bei wirtschaftlich relevanten Beständen labordiagnostisch untersuchen lassen.
- Stark befallene Pflanzen einschließlich möglichst großer Wurzelreste entfernen und nicht kompostieren. Abfälle in Deutschland entsprechend den kommunalen oder betrieblichen Vorgaben entsorgen.
- Durchwuchs, Erntereste und geeignete Reservoirunkräuter wie Ackerwinde oder Brennnesseln im unmittelbaren Kulturumfeld konsequent, aber standortgerecht reduzieren. Eine einmalige Mahd beseitigt unterirdische Reservoirs nicht zuverlässig.
- Fruchtfolgen, räumliche Trennung gefährdeter Kulturen und die Vermeidung dichter Übergänge zwischen anfälligen Beständen und Reservoirflächen in die Betriebsplanung einbeziehen.
- Vektoren mit Bestandskontrollen, Kescherfängen oder regional verfügbaren Warndiensten überwachen. Einzelne Zikadenfunde beweisen jedoch noch keine Übertragung.
- Bei Kartoffeln und Zuckerrüben regionale Fachinformationen des Pflanzenschutzdienstes und des Julius Kühn-Instituts beachten, da Vektorarten und Befallsdruck regional variieren.
Wissenswertes
- Phytoplasmen besitzen keine klassische Zellwand und lassen sich nicht wie viele pilzliche Blattkrankheiten mit einem üblichen Fungizidprogramm bekämpfen.
- Der Name Stolbur bezieht sich auf typische Wuchs- und Entwicklungsstörungen, während Schwarzholzkrankheit beziehungsweise Bois noir vor allem das Krankheitsbild an der Weinrebe bezeichnet.
- Ackerwinde kann in Teilen Mitteleuropas sowohl Reservoirpflanze des Phytoplasmas als auch Entwicklungswirt des wichtigen Vektors Hyalesthes obsoletus sein.
- Die große dokumentierte Wirtspflanzenliste bedeutet nicht, dass jede Wirtspflanze im deutschen Anbau epidemiologisch gleich wichtig ist. Entscheidend sind Stamm, Vektor, Witterung und regionale Pflanzenbestände.
- Bei Kartoffeln können Stolbur-Symptome gemeinsam mit weiteren Erregern oder physiologischen Stressfaktoren auftreten; eine molekulare Diagnose ist deshalb besonders wertvoll.
Für Candidatus Phytoplasma solani gibt es keine zuverlässig heilende Pflanzenschutzbehandlung. Gegen Vektoren dürfen in Deutschland ausschließlich aktuell zugelassene Pflanzenschutzmittel für die jeweilige Kultur, den jeweiligen Schadorganismus und die konkrete Anwendung eingesetzt werden. Maßgeblich sind stets das aktuelle amtliche Zulassungsregister, die Gebrauchsanweisung und die geltenden Auflagen. Eine pauschale Spritzfolge wird nicht empfohlen; unnötige Behandlungen können Nützlinge schädigen und die Übertragung nicht sicher verhindern.
Betroffene Pflanzen
Die folgenden Pflanzen sind anhand strukturierter Wirtsdaten mit diesem Problem verknüpft. Die Liste wird bei neuen Pflanzenprofilen automatisch aktualisiert.
Zwiebel (Allium cepa) – PflegeAllium cepa
Sternkugel-Lauch (Allium christophii) – PflegeAllium christophii
Winter-Zwiebel (Allium fistulosum) – PflegeAllium fistulosum
Riesenlauch (Allium giganteum) – PflegeAllium giganteum
Lauch (Allium) – PflegeAllium
Knoblauch (Allium sativum) – PflegeAllium sativum
Schnittlauch (Allium schoenoprasum) – PflegeAllium schoenoprasum
Bärlauch (Allium ursinum) – PflegeAllium ursinum