Reisigkrankheit der Weinrebe
Grapevine fanleaf virus (GFLV)Reisigkrankheit der Weinrebe – Kurzüberblick
Die Reisigkrankheit der Weinrebe wird durch das Grapevine fanleaf virus (GFLV) verursacht. Typisch sind fächerförmig deformierte Blätter, gelbe Mosaik- oder Adernbänderungen, kurze Triebe und unregelmäßiger Fruchtansatz mit kleinen, oft kernlosen Beeren. Die wichtigste natürliche Übertragung erfolgt im Boden durch den virusübertragenden Nematoden Xiphinema index; zusätzlich wird das Virus durch infiziertes Vermehrungsgut verbreitet.
Typische Bedingungen
Überblick
Die Reisigkrankheit ist eine wichtige, meist langlebige Viruskrankheit der Rebe. Das Krankheitsbild kann je nach Rebsorte, Virusisolat, Alter der Rebe und Umweltbedingungen unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Besonders auffällig sind fächerförmige Blattdeformationen, gelbe Mosaike oder helle Bänder entlang der Blattadern, verkürzte Internodien und ein schwacher, unregelmäßiger Wuchs.
Eine sichere Diagnose ist anhand einzelner Blattsymptome nicht möglich, da Nährstoffmangel, andere Rebenviren und weitere Ursachen ähnliche Erscheinungen auslösen können. Bei Verdacht sollten symptomatische und möglichst auch symptomlose Triebe fachgerecht beprobt und mittels geeigneter serologischer oder molekularer Verfahren untersucht werden.
Symptome und Erkennung
- Fächerförmige, asymmetrische Blätter mit eng stehenden Hauptadern und verlängerten Randzähnen.
- Gelbe Mosaikflecken oder allgemeine Vergilbung; bei kühler Witterung im Frühjahr oft besonders deutlich.
- Gelbliche bis weißliche Adernbänderungen entlang größerer Blattadern.
- Kurze, unregelmäßig verteilte Internodien, kümmerliche Triebe, Büschelwuchs und gelegentlich zusätzliche Seitentriebe.
- Weniger und kleinere Gescheine beziehungsweise Trauben, schlechter Fruchtansatz und ungleich große Beeren.
- „Shot berries“: kleine, häufig kernlose Beeren neben normal entwickelten Beeren sowie verzögerte oder ungleichmäßige Reife.
- Bei fortschreitender Degeneration sinken Wuchskraft, Ertrag und Nutzungsdauer der Anlage.
Weiße Rebsorten können weniger auffällige Blattverfärbungen zeigen. Die Symptome können außerdem jahreszeitlich schwanken oder bei einzelnen Reben zunächst fehlen.
Ursachen und Ausbreitung
Der Erreger ist das Grapevine fanleaf virus (GFLV), ein Nepovirus. Die wichtigste natürliche Ausbreitung im Bestand erfolgt durch den im Boden lebenden Wurzelparasitismus-Nematoden Xiphinema index. Er nimmt das Virus beim Saugen an infizierten Wurzeln auf und kann es beim Befall gesunder Reben weitergeben. Die Verbreitung über größere Entfernungen erfolgt vor allem durch infizierte Edelreiser, Unterlagen, Stecklinge und veredelte Jungpflanzen.
Das Risiko steigt bei der Neuanlage auf Flächen mit infizierten Altstöcken und vorhandenen Vektornematoden. Bodenverlagerung durch anhaftende Erde an Maschinen, Werkzeugen oder Pflanzen kann die Verschleppung innerhalb und zwischen Flächen begünstigen. Die Krankheit ist nicht mit der durch eine Phytoplasma verursachten Goldgelben Vergilbung der Rebe gleichzusetzen.
Lebenszyklus und Überdauerung
GFLV verbleibt in infizierten Reben und wird bei der vegetativen Vermehrung mit übertragen. Im Boden kann Xiphinema index an Rebenwurzeln saugen und das Virus über längere Zeiträume im Anbausystem erhalten. Infizierte Nematoden bewegen sich im Boden nur langsam; die Ausbreitung erfolgt daher häufig schrittweise und fleckenförmig. Werden infizierte Reben oder Wurzelreste entfernt und anschließend wieder Reben gepflanzt, können verbleibende Vektoren und Wurzelreste das Risiko einer Neuinfektion aufrechterhalten.
Die sichtbare Symptomstärke hängt von Sorte, Virusvariante, Temperatur, Wurzelzustand und Mischinfektionen ab. Eine Rebe kann infiziert sein, ohne in jedem Jahr deutliche Symptome zu zeigen.
Behandlung und Bekämpfung
Eine infizierte Rebe kann nicht virusheilend behandelt werden. Bei einzelnen Reben im Hausgarten oder in kleinen Anlagen ist die vollständige Entfernung einschließlich möglichst vieler Wurzelreste die praktikabelste Maßnahme, besonders wenn benachbarte Reben ebenfalls Symptome zeigen. Entferntes Material nicht zum Vermehren, Veredeln oder Kompostieren verwenden.
In bestehenden Weinbergen sollte zunächst eine belastbare Diagnose erfolgen. Bei deutlicher Degeneration ist eine abschnittsweise Erneuerung mit gesundem, zertifiziertem Pflanzgut meist sinnvoller als wiederholte Einzelbehandlungen. Eine Neupflanzung auf derselben Fläche sollte erst nach einer standortbezogenen Bewertung von Wurzelresten, Boden und Nematodenrisiko geplant werden. Gegen den Virus selbst gibt es keine kurative Behandlung.
Schonende und biologische Bekämpfung
Direkte biologische oder organische Maßnahmen, die GFLV in einer infizierten Rebe beseitigen, stehen nicht zuverlässig zur Verfügung. Der wichtigste nichtchemische Ansatz ist die Vorbeugung: gesundes zertifiziertes Pflanzgut, konsequente Entfernung stark erkrankter Reben, saubere Werkzeuge und die Vermeidung von Bodenverschleppung.
Eine Begrünung, organische Bodenpflege und Förderung der Bodenbiologie können die allgemeine Rebengesundheit unterstützen, beseitigen aber weder das Virus noch einen etablierten Vektornematoden sicher. Hausmittel, Bodensterilisation mit nicht zugelassenen Stoffen oder vermeintliche „Virusmittel“ sind nicht zu empfehlen. Bei einer Neuanlage sollte eine nematologische Bodenuntersuchung die Auswahl der Maßnahmen bestimmen.
Vorbeugung
- Für Neuanlagen ausschließlich zertifiziertes, virusgetestetes beziehungsweise virusfreies Pflanz- und Vermehrungsgut aus seriösen Rebschulen verwenden.
- Keine Edelreiser oder Unterlagen aus Beständen mit ungeklärten Fächerblättern, Mosaiken, schlechtem Fruchtansatz oder auffälligem Wuchs gewinnen.
- Verdächtige Reben markieren und die Diagnose vor einer Vermehrung oder größeren Rodung fachlich bestätigen lassen.
- Bei der Flächenplanung die Vorgeschichte von Altweinbergen berücksichtigen und Bodenproben auf pflanzenparasitäre Nematoden untersuchen lassen.
- Erde von Maschinen, Schuhen und Werkzeugen nicht von befallenen auf gesunde Flächen verschleppen; bei Rodungen möglichst sauber arbeiten.
- Stark geschädigte Reben einschließlich möglichst vieler Wurzelreste entfernen und nicht zur Vermehrung nutzen.
- Für Deutschland geltende Anforderungen an die Pflanzengesundheit und das Inverkehrbringen von Reben beachten; bei professionellen Anlagen die zuständige Pflanzenschutz- oder Weinbauberatung einbeziehen.
Wissenswertes
- Der Name Reisigkrankheit bezieht sich auf den auffälligen, verkürzten und verzweigten „reisigartigen“ Wuchs befallener Reben.
- GFLV gehört zu den am längsten bekannten und wirtschaftlich bedeutenden Virusproblemen im Weinbau.
- Der Nematode Xiphinema index ist für die Krankheit besonders bedeutsam, weil er den Erreger von Rebe zu Rebe übertragen kann.
- Symptomfreie Reben können dennoch infiziert sein; deshalb ist die Auswahl zertifizierten Vermehrungsguts wichtiger als eine rein visuelle Kontrolle.
- Fächerblätter und gelbe Adern sind charakteristisch, aber nicht beweisend: Für die Abgrenzung zu anderen Viren und Ernährungsstörungen ist eine Laboruntersuchung erforderlich.
Für GFLV gibt es keine heilende Pflanzenschutzbehandlung. Mittel gegen Bodennematoden dürfen in Deutschland nur eingesetzt werden, wenn sie für die betreffende Kultur und Anwendungssituation aktuell zugelassen sind; ausschließlich nach dem geltenden Etikett und den behördlichen Auflagen anwenden. Nicht zugelassene Bodenbegasungsmittel oder alte Empfehlungen aus anderen Ländern nicht verwenden. Chemische Maßnahmen ersetzen weder gesundes Pflanzgut noch Hygiene, Rodung und standortbezogene Planung.
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