
Jordanvirus an Tomate und Paprika
Tobamovirus fructirugosumJordanvirus an Tomate und Paprika – Kurzüberblick
Das Jordanvirus, fachlich Tomato brown rugose fruit virus (ToBRFV), ist eine hochinfektiöse Viruskrankheit an Tomaten und Paprika. Typisch sind mosaikartige Blattverfärbungen, verformte junge Blätter sowie gelbe bis braune Flecken, ungleichmäßige Reife und runzelige Veränderungen an Früchten. Eine Heilung befallener Pflanzen gibt es nicht; entscheidend sind geprüfte Jungpflanzen, strenge Hygiene und die rasche diagnostische Abklärung.
Typische Bedingungen
Überblick
ToBRFV verursacht eine Viruskrankheit, die insbesondere im geschützten Tomaten- und Paprikaanbau wirtschaftlich problematisch ist. An Tomaten können junge Blätter mosaikartig aufgehellt, gekräuselt, blasig oder nadelblättrig erscheinen. Früchte zeigen häufig gelbe oder braune Flecken, Marmorierung, ungleichmäßige Abreife und Verformungen; ausgeprägte braune, runzelige Partien sind möglich, aber nicht in jedem Bestand typisch.
Die Symptome überschneiden sich mit denen anderer Viren, darunter Pepinomosaikvirus, Tomatenmosaikvirus und Tabakmosaikvirus. Deshalb sollte ein Verdacht nicht allein anhand eines Fotos bestätigt werden.
In Deutschland kommt ToBRFV vor. Seit Januar 2025 wird es in der Europäischen Union als unionsgeregelter Nicht-Quarantäneschädling (RNQP) eingestuft; die jeweils geltenden Anforderungen an Saatgut und Vermehrungsmaterial sind zu beachten.
Symptome und Erkennung
Tomate:
- Chlorosen, Mosaik und fleckige Aufhellungen, oft zuerst an jungen Blättern und Seitentrieben
- Gekräuselte, blasige, verengte oder verformte Blätter
- Welke, Vergilbung und bei starkem Befall Absterben ganzer Pflanzen
- Bräunliche Nekrosen an Stängeln, Blattstielen oder Kelchblättern
- Gelbe oder braune Flecken, Marmorierung, ungleichmäßige Abreife und Deformationen an Früchten
- Runzelige, braune Fruchtpartien und verringerter Fruchtansatz können auftreten
Infizierte Jungpflanzen können äußerlich unauffällig bleiben. Auch innerhalb einer Sorte reicht das Erscheinungsbild von milden Symptomen bis zu starkem Wachstums- und Ertragsverlust.
Ursachen und Ausbreitung
Der Erreger wird vor allem mechanisch übertragen. Schon kleinste Verletzungen und der Kontakt zwischen infiziertem und gesundem Pflanzengewebe können zur Weitergabe führen. Wichtige Übertragungswege sind Hände, Kleidung, Haare, Messer, Scheren, Drähte, Kisten, Arbeitsflächen, Transportbehälter und wiederverwendbare Substrate oder Geräte.
Eine weiträumige Einschleppung ist besonders über infiziertes oder äußerlich kontaminiertes Saatgut, Jungpflanzen, Stecklinge und vermehrungsfähiges Pflanzenmaterial möglich. Auch Früchte und Verpackungen können zur Verschleppung beitragen. Die Übertragung durch typische saugende Insektenvektoren ist für die praktische Bestandsausbreitung nicht der Hauptweg.
Lebenszyklus und Überdauerung
ToBRFV vermehrt sich in lebendem Pflanzengewebe und kann in infizierten Tomaten- oder Paprikapflanzen zunächst ohne deutliche äußere Symptome vorhanden sein. Im Bestand breitet es sich bei Kulturarbeiten, Ausgeizen, Aufleiten, Ernten und Sortieren von Pflanze zu Pflanze aus. Das Virus ist außergewöhnlich stabil und kann an kontaminierten Oberflächen sowie Pflanzenresten längere Zeit infektiös bleiben.
Die Übertragung über Saatgut erfolgt vor allem durch Kontamination der Samenoberfläche; daraus kann eine Weitergabe auf Keimlinge und Jungpflanzen entstehen. Die genaue Ausprägung und Geschwindigkeit der Epidemie hängen von Sorte, Virusvariante, Temperatur, Kulturführung und Arbeitsabläufen ab.
Behandlung und Bekämpfung
Eine infizierte Pflanze kann nicht mit einem Pflanzenschutzmittel geheilt werden. Bei Verdacht sollten Pflanzen nicht weiter bearbeitet oder zwischen Gewächshausbereichen bewegt werden. Verdächtige Pflanzen und möglichst repräsentative Proben sind nach Vorgabe des zuständigen Pflanzenschutzdienstes untersuchen zu lassen.
Wird der Befall bestätigt, müssen betroffene Pflanzen und kontaminierte Kultursubstrate beziehungsweise Materialien nach fachlicher und behördlicher Anleitung sicher entfernt und entsorgt werden. Anschließend sind Gewächshausflächen, Werkzeuge, Transportmittel und Arbeitskleidung gründlich zu reinigen und zu desinfizieren. Eine erneute Nutzung des Bereichs sollte erst nach einem abgestimmten Hygiene- und Produktionsplan erfolgen.
Resistenzgene wie Tm-1 oder Tm-22, die gegen andere Tobamoviren schützen, bieten keinen verlässlichen Schutz gegen ToBRFV. Sortenangaben müssen daher ausdrücklich auf ToBRFV-Toleranz oder -Resistenz und die jeweilige regionale Prüfung bezogen werden.
Schonende und biologische Bekämpfung
Im ökologischen und privaten Anbau stehen ausschließlich vorbeugende und hygienische Maßnahmen im Mittelpunkt. Befallene Pflanzen nicht vermehren, keine Stecklinge oder Samen aus verdächtigen Pflanzen gewinnen und Früchte, Schnittgut sowie Werkzeuge nicht zwischen Beständen austauschen. Hände, Messer und Scheren nach jedem Arbeitsbereich reinigen; Einwegmaterialien nach Gebrauch sicher entsorgen.
Eine biologische Bekämpfung durch Nützlinge ist gegen das Virus selbst nicht wirksam. Eine vielfältige Fruchtfolge kann die Kontamination im Boden und an Pflanzenresten verringern, ersetzt bei ToBRFV aber nicht die strikte Hygiene. Hausmittel oder selbst angesetzte Desinfektionslösungen sollten nicht als verlässliche Sanierungsmaßnahme betrachtet werden.
Vorbeugung
Im deutschen Gartenbau ist Vorbeugung die wichtigste Maßnahme:
- Nur Saatgut und Jungpflanzen aus vertrauenswürdigen Quellen mit geeigneter ToBRFV-Prüfung und den erforderlichen Pflanzenpass- beziehungsweise Saatgutangaben verwenden.
- Neue Partien getrennt annehmen, beschriften und bei begründetem Verdacht nicht in den Bestand integrieren.
- Hände vor und während der Kulturarbeiten reinigen und geeignete, regelmäßig gewechselte Schutzkleidung verwenden.
- Werkzeuge, Erntehilfen, Kisten, Tische und Kontaktflächen nach einem festgelegten Hygieneplan reinigen und anschließend mit einem dafür geeigneten, zugelassenen Desinfektionsmittel behandeln.
- Arbeitsgänge von gesunden zu verdächtigen Bereichen organisieren; unnötiges Berühren, Streifen und Ausgeizen vermeiden.
- Pflanzenreste vollständig aus dem Bestand entfernen und nicht kompostieren, wenn ein ToBRFV-Verdacht besteht.
- Bei Verdacht den zuständigen Pflanzenschutzdienst oder ein anerkanntes Diagnoselabor einschalten.
Wissenswertes
- Der Beiname Jordanvirus bezieht sich auf frühe Nachweise im Jordanraum.
- ToBRFV kann etablierte Resistenzgene der Tomate gegen mehrere andere Tobamoviren überwinden.
- Die auffällige braun-runzelige Frucht ist nicht in jedem Befall zu sehen; in Deutschland wurden auch gelbe oder orange Flecken und verzögerte Rotfärbung beschrieben.
- Tomate und Paprika sind die verlässlich bestätigten natürlichen Hauptwirte. Für weitere Pflanzen liegen je nach Quelle vor allem künstliche Infektionen oder einzelne Nachweise vor.
- Das Virus ist für Menschen ungefährlich; befallene Früchte können jedoch wegen Qualitätsverlusten unverkäuflich sein.
Gegen ein Virus im Pflanzengewebe gibt es kein heilendes Pflanzenschutzmittel. Falls Desinfektionsmittel oder andere Produkte eingesetzt werden, dürfen in Deutschland ausschließlich für den jeweiligen Zweck und Anwendungsbereich rechtlich zugelassene Produkte verwendet werden; stets das aktuelle Etikett, die Gebrauchsanweisung und geltende Sachkunde- sowie Arbeitsschutzvorgaben beachten. Eine chemische Behandlung ersetzt weder Diagnostik noch Entfernung und Hygiene.
Betroffene Pflanzen
Die folgenden Pflanzen sind anhand strukturierter Wirtsdaten mit diesem Problem verknüpft. Die Liste wird bei neuen Pflanzenprofilen automatisch aktualisiert.



