Europäische Steinobstvergilbung (ESFY)
Candidatus Phytoplasma prunorumEuropäische Steinobstvergilbung (ESFY) – Kurzüberblick
Die Europäische Steinobstvergilbung (ESFY) ist eine durch „Candidatus Phytoplasma prunorum“ verursachte Gefäßkrankheit europäischer Steinobstarten. Besonders gefährdet sind Aprikose, Pfirsich, Japanische Pflaume und einige weitere Prunus-Arten. Typisch sind Blattvergilbung, Einrollen, vorzeitiger Blattfall, verkürzte Triebe und allmähliches Absterben. Eine Heilung infizierter Bäume gibt es nicht; entscheidend sind geprüftes Pflanzgut, Vektorkontrolle und das Entfernen von Infektionsquellen.
Typische Bedingungen
Überblick
Die Europäische Steinobstvergilbung ist eine bakterienähnliche Phytoplasmenkrankheit an Steinobst. Besonders ausgeprägt ist sie häufig an Aprikose, Japanischer Pflaume und Pfirsich; Symptome und Krankheitsverlauf können jedoch je nach Wirt, Sorte, Alter und Infektionszeitpunkt variieren.
Das Phytoplasma lebt im Phloem und lässt sich anhand des Erscheinungsbilds allein nicht sicher von Nährstoffmangel, Wurzelschäden, Viruskrankheiten oder anderen Vergilbungen unterscheiden. Für eine belastbare Diagnose ist eine molekularbiologische Untersuchung durch ein geeignetes Labor erforderlich.
Symptome und Erkennung
- Blätter werden blassgrün bis gelb, rollen sich häufig nach innen oder hängen schlaff.
- Bei Aprikose können im Frühjahr vorzeitig austreibende, chlorotische und kleinblättrige Triebe auffallen; später folgen Blattfall und Verkahlung.
- Typisch sind verkürzte Internodien, besenartige Triebe, schwacher Zuwachs und eine zunehmend lichte Krone.
- Blüten können außerhalb der normalen Zeit erscheinen; Fruchtansatz, Fruchtgröße und Reife können vermindert sein.
- Im weiteren Verlauf treten Aststerben, allgemeiner Vitalitätsverlust und schließlich das Absterben des Baumes auf.
- Infektionen können zunächst unauffällig bleiben oder nur einzelne Äste betreffen. Eine sichere Unterscheidung von anderen Ursachen ist visuell nicht möglich.
Ursachen und Ausbreitung
Hauptursache ist die Übertragung durch den Pflaumenblattsauger Cacopsylla pruni. Der Vektor erwirbt das Phytoplasma an infizierten Prunus-Pflanzen und überträgt es beim späteren Phloemsaugen auf gesunde Bäume. Als wichtige Infektionsquellen kommen erkrankte Aprikosen, Pflaumen, Pfirsiche und verwandte Prunus-Arten sowie infizierte Schlehenbestände infrage.
Eine weitere wichtige Verschleppungsquelle ist infiziertes vegetatives Material, insbesondere Veredelungsreiser, Unterlagen und Jungpflanzen. Schnittwerkzeuge gelten nicht als primärer natürlicher Übertragungsweg, sollten aus Hygienegründen aber zwischen verdächtigen Bäumen gereinigt werden.
Lebenszyklus und Überdauerung
Das Phytoplasma überwintert in infizierten mehrjährigen Prunus-Pflanzen, darunter Kultur- und Wildformen. Der Pflaumenblattsauger Cacopsylla pruni nimmt es beim Saugen am Phloem auf. Nach einer Latenz- und Vermehrungsphase im Insekt kann der Erreger bei späteren Saugvorgängen auf gesunde Prunus-Pflanzen übertragen werden. Die Übertragung erfolgt persistent und propagativ; der Vektor bleibt daher über längere Zeit infektiös.
In Deutschland ist insbesondere die Schlehe (Prunus spinosa) als epidemiologisch wichtige Wildquelle beschrieben worden. Die Krankheit kann außerdem durch vegetative Vermehrung und infiziertes Veredelungs- oder Pflanzmaterial verschleppt werden. Samenübertragung spielt für die praktische Ausbreitung im Obstbau keine wesentliche Rolle.
Behandlung und Bekämpfung
Eine kurative Behandlung infizierter Bäume ist nicht verfügbar. Bestätigt befallene Bäume sollten daher möglichst vollständig und einschließlich der relevanten Wurzelbereiche entfernt werden, besonders bei jungen Anlagen, Mutterpflanzen und starkem Befall. Starkes Zurückschneiden kann Symptome vorübergehend vermindern, entfernt aber nicht das systemische Phytoplasma und ist deshalb keine Sanierung.
Nach der Rodung sollte der Standort auf Wurzelausschläge und verbliebene Prunus-Triebe kontrolliert werden. Eine Ersatzpflanzung sollte nur mit gesundem, geprüftem Material erfolgen. Bei wertvollen Einzelbäumen kann eine Laborbestätigung vor der endgültigen Entfernung sinnvoll sein; symptomfreie Proben schließen eine Infektion jedoch nicht immer sicher aus.
Schonende und biologische Bekämpfung
Eine biologische oder organische Heilung des infizierten Baumes ist nicht bekannt. Sinnvoll sind vorbeugende und hygienische Maßnahmen:
- Nur gesundes, geprüftes und möglichst zertifiziertes Veredelungs- und Pflanzmaterial verwenden.
- Verdächtige Bäume durch ein anerkanntes Pflanzenbau- oder Diagnostiklabor untersuchen lassen.
- Bestätigt infizierte Bäume einschließlich stark befallener Wurzel- und Stockbereiche möglichst vollständig roden und das Material nicht zur Vermehrung oder als Kompost verwenden.
- Werkzeuge nach Arbeiten an verdächtigen Bäumen reinigen und desinfizieren; Schnittgut aus dem Bestand entfernen.
- Schlehen und andere erkrankte Wild-Prunus in unmittelbarer Nähe nur nach fachlicher Bewertung entfernen, da Wildgehölze ökologisch wertvoll sein können.
- Junge Bäume regelmäßig auf Blattflöhe und frühe Symptome kontrollieren. Insektenschutznetze können bei kleinen, isolierten Jungpflanzen den Zuflug mechanisch verringern, sind im großen Bestand aber nur eingeschränkt praktikabel.
Vorbeugung
Für Deutschland sind vorbeugende Pflanzengesundheitsmaßnahmen wichtiger als eine spätere Bekämpfung:
- Obstbäume nur aus seriösen Baumschulen mit nachvollziehbarer Sorten-, Unterlagen- und Gesundheitsangabe beziehen.
- Keine Reiser, Steckhölzer oder okulierten Augen aus unbekannten Beständen verwenden.
- Neu gekaufte Prunus-Pflanzen zunächst getrennt beobachten und auf Vergilbung, eingerollte Blätter, verkürzte Triebe und vorzeitigen Blattfall kontrollieren.
- Erkrankte Bäume nicht durch Rückschnitt „retten“, wenn die Diagnose bestätigt ist; Rückschnitt beseitigt das systemische Phytoplasma nicht.
- Schlehen und andere wilde Prunus in der Umgebung bei einer Bestandskontrolle berücksichtigen, insbesondere an größeren Obstflächen.
- Bei Verdacht die zuständige Pflanzenschutzberatung oder das Pflanzenschutzamt des Bundeslands einbeziehen, bevor größere Rodungs- oder Bekämpfungsmaßnahmen beginnen.
Wissenswertes
- „Candidatus“ weist darauf hin, dass Phytoplasmen nicht wie viele gewöhnliche Bakterien vollständig unter Standardbedingungen kultiviert werden können.
- Die Krankheit wird häufig mit der Abkürzung ESFY bezeichnet.
- Die Schlehe kann als Reservoir dienen, obwohl sie selbst nicht immer deutliche Krankheitssymptome zeigt.
- Ein einzelner symptomatischer Trieb beweist den Erreger nicht; Laborproben sollten möglichst aus aktiv wachsenden, symptomatischen Leitungsgeweben genommen werden.
- Eine erfolgreiche Behandlung des bereits infizierten Baumes ist nicht etabliert. Der Schwerpunkt liegt deshalb auf vorbeugender Pflanzengesundheit und dem Unterbrechen der Infektionskette.
Es gibt keine verlässlich kurative Pflanzenschutzbehandlung gegen das im Phloem lebende Phytoplasma. Gegen den Überträger dürfen ausschließlich in Deutschland für die betreffende Kultur und Anwendung zugelassene Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden; stets die aktuelle Zulassung und Gebrauchsanweisung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit beachten. Im Haus- und Kleingarten ist die chemische Bekämpfung nicht als alleinige Maßnahme geeignet.
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