
Bitterfäule und Lentizellenfruchtfäule an Apfel und Birne
Neofabraea albaBitterfäule und Lentizellenfruchtfäule an Apfel und Birne – Kurzüberblick
Neofabraea alba verursacht vor allem an Äpfeln, regional auch an Birnen, eine latent beginnende Frucht- und Lagerfäule. Die Infektion erfolgt meist im Obstgarten über Lentizellen oder kleine Verletzungen, während die typischen hell- bis dunkelbraunen, leicht eingesunkenen Flecken oft erst Wochen oder Monate nach der Ernte im Lager sichtbar werden. In Deutschland zählt der Pilz zu den wichtigen Erregern von Lagerfäulen.
Typische Bedingungen
Überblick
Neofabraea alba ist ein pilzlicher Erreger von Nachernte- und Lagerfäulen an Kernobst. In Deutschland ist er besonders im Apfelanbau relevant; Birnen können ebenfalls betroffen sein. Die Krankheit wird häufig unter dem Sammelbegriff Bitterfäule geführt, obwohl die Bezeichnung je nach Region und Erregergruppe nicht immer einheitlich verwendet wird.
Die Fruchtinfektion erfolgt überwiegend vor der Ernte. Kleine Verletzungen, Lentizellen und möglicherweise natürliche Öffnungen der Fruchtschale dienen als Eintrittsstellen. Danach kann der Pilz zunächst ohne sichtbare Symptome im Gewebe verbleiben. Während der Lagerung entwickeln sich die Läsionen häufig erst nach mehreren Wochen oder Monaten.
Symptome und Erkennung
- Zunächst kleine, hellbraune bis braune, später dunklere und leicht eingesunkene Flecken an der Fruchtschale.
- Die Flecken sind oft rundlich und können einen helleren Mittelpunkt mit dunklerem Rand zeigen.
- Das befallene Fruchtfleisch bleibt anfangs relativ fest oder mehlig und ist klar vom gesunden Gewebe abgegrenzt.
- Bei hoher Luftfeuchte können weißliches Pilzmyzel oder cremefarbene Sporenmassen aus der Läsion hervortreten.
- Die Symptome werden häufig erst im Kühllager, im Nachlager oder beim Vermarkten sichtbar.
- Rinden- und Zweiginfektionen sind möglich, stehen bei N. alba im deutschen Obstbau jedoch meist hinter der Frucht- und Lagerfäule zurück. Eine sichere Artbestimmung anhand des äußeren Fruchtbildes ist nicht möglich, da mehrere Neofabraea-Arten ähnliche Symptome verursachen.
Ursachen und Ausbreitung
Der Erreger kann in befallenem oder abgestorbenem Holz, in Krebsstellen, Fruchtmumien, Laub- und Pflanzenresten überdauern. Bei feuchter Witterung bilden sich infektiöse Sporen, die durch Regen, Spritzwasser und möglicherweise Arbeitsgeräte auf Früchte gelangen. Besonders kritisch sind längere Blattnässeperioden und häufige Niederschläge in den Wochen vor der Ernte.
Verletzungen durch Hagel, Insekten, Reibung, unsachgemäße Ernte oder grobe Sortierung erhöhen das Infektionsrisiko. Befallene Früchte können den Erreger im Lager weiterverbreiten, vor allem wenn sie eng an gesunden Früchten anliegen oder beschädigt sind.
Lebenszyklus und Überdauerung
Neofabraea alba überdauert in infiziertem Holz, Fruchtmumien und weiteren organischen Resten. Unter feuchten Bedingungen werden Sporen gebildet und verbreitet. Die Infektion der Früchte findet häufig im Spätsommer und Herbst statt, wobei der genaue Infektionszeitraum von Region, Sorte, Witterung und Erregerstamm abhängt.
Nach der Infektion kann der Pilz eine Ruhe- oder Latenzphase durchlaufen. Während der Lagerung, insbesondere bei langer Lagerdauer und verletzten oder anfälligen Früchten, wächst er weiter und bildet die charakteristischen Fruchtfäulen. Die Artabgrenzung zu N. perennans, N. malicorticis und weiteren verwandten Erregern erfordert gegebenenfalls eine Laboruntersuchung.
Behandlung und Bekämpfung
Bereits sichtbar befallene Früchte lassen sich nicht kurativ heilen. Sie sollten unverzüglich aus Kisten und Lagerräumen entfernt werden, um Sekundärverluste zu begrenzen. Stark befallene Partien sind getrennt zu behandeln und gegebenenfalls früher zu vermarkten oder auszusortieren.
Im Bestand sind die wichtigsten Maßnahmen die Entfernung von Infektionsquellen, die Vermeidung von Fruchtverletzungen und eine gute Abtrocknung. Fungizidmaßnahmen müssen in ein regionales Prognose- und Beratungskonzept eingebunden werden; entscheidend ist der Schutz der Früchte vor Infektionen in der kritischen Vorerntephase und nicht eine nachträgliche Behandlung bereits befallener Äpfel.
Schonende und biologische Bekämpfung
- Hohe Hygiene im Obstgarten und Lager: Fruchtmumien, Fallobst, abgestorbenes Holz und erkrankte Zweige entfernen.
- Erntegut schonend behandeln und beschädigte Früchte konsequent aussortieren.
- Saubere, trockene und gut belüftete Kisten sowie regelmäßige Lagerkontrollen einsetzen.
- Für den ökologischen Anbau standort- und sortengerechte Vorbeugung, kurze Lagerzeiten bei Risikopartien und die Beratung durch den zuständigen deutschen Obstbauberatungsdienst nutzen.
- Biologische oder physikalische Nachernteverfahren nur einsetzen, wenn sie für die jeweilige Kultur, Anwendung und Vermarktung zugelassen beziehungsweise fachlich abgesichert sind; experimentelle Heißwasser- oder alternative Verfahren sind nicht pauschal übertragbar.
Vorbeugung
- Befallene Früchte, Fruchtmumien sowie abgestorbenes und krebsbefallenes Holz konsequent aus der Anlage entfernen; Material nicht unter den Bäumen liegen lassen.
- Beim Winterschnitt infizierte Zweige bis ins gesunde Holz zurücknehmen und Schnittwerkzeuge bei wiederholtem Arbeiten an kranken Bäumen reinigen.
- Eine luftige, rasch abtrocknende Krone durch standortgerechten Schnitt und angepasste Bestandesführung fördern.
- Erntezeitpunkt, Sortenanfälligkeit und lokale Niederschlags- beziehungsweise Blattnässebedingungen berücksichtigen.
- Früchte vorsichtig pflücken und sortieren; Druckstellen, Hagelschäden und Verletzungen vermeiden.
- Lagerkisten, Sortierflächen und Lagerräume vor der Einlagerung reinigen. Faule oder verletzte Früchte nicht gemeinsam mit gesundem Erntegut einlagern.
- Die Lagerdauer gefährdeter Partien verkürzen und Bestände regelmäßig kontrollieren, da der Befall verzögert sichtbar werden kann.
Wissenswertes
- Neofabraea alba wird in älterer Literatur auch unter Namen wie Pezicula alba, Gloeosporium album oder Phlyctema vagabunda geführt.
- In Mitteleuropa gilt N. alba als einer der bedeutenden Erreger der Bull’s-eye- beziehungsweise Lentizellenfäule an Kernobst.
- Die Infektion kann bereits im Obstgarten erfolgen, während die Fäule erst lange nach der Ernte sichtbar wird.
- Mehrere Neofabraea-Arten verursachen ähnliche Symptome; eine sichere Diagnose anhand des Fruchtbildes allein ist deshalb unsicher.
- Die wirtschaftliche Bedeutung hängt stark von Sorte, Erntezeitpunkt, Vorernässe, Verletzungsgrad und Lagerdauer ab.
Pflanzenschutzmittel dürfen in Deutschland nur verwendet werden, wenn sie für die konkrete Kultur und Anwendung gegen das betreffende Problem aktuell zugelassen beziehungsweise genehmigt sind. Vor jeder Anwendung die gültige Zulassung, Auflagen, Wartezeit, Aufwandmenge und Anwendungsbestimmungen im amtlichen Pflanzenschutzmittel-Verzeichnis und auf dem aktuellen Produktetikett prüfen. Keine Spritzfolge allein aus dem Erregernamen ableiten; regionale Obstbauberatung und integrierte Strategien bevorzugen.