Amerikanische Rebzikade
Scaphoideus titanusAmerikanische Rebzikade – Kurzüberblick
Die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus) ist ein aus Nordamerika stammender, in Europa etablierter Zwergzikaden-Schädling der Weinrebe. Ihre direkte Saugtätigkeit verursacht meist nur geringe Schäden; entscheidend ist ihre Rolle als Überträger des Phytoplasmas der Goldgelben Vergilbung (Flavescence dorée). In Deutschland wurde sie 2024 erstmals nachgewiesen, 2025 auch gemeinsam mit dem Erreger in Baden-Württemberg.
Typische Bedingungen
Überblick
Scaphoideus titanus ist eine ursprünglich nordamerikanische Zwergzikade, die sich in Europa im Wesentlichen an Vitis-Arten entwickelt. In europäischen Weinbaugebieten ist vor allem die Weinrebe (Vitis vinifera) von Bedeutung. Die Art sticht Leitgewebe an und saugt Phloemsaft. Dadurch entstehen gewöhnlich keine wirtschaftlich bedeutenden Primärschäden; problematisch ist die Übertragung des Erregers der Goldgelben Vergilbung (Grapevine flavescence dorée phytoplasma).
Für Deutschland ist die Art besonders relevant, weil sie 2024 erstmals in Baden-Württemberg festgestellt wurde und 2025 dort zusammen mit dem Quarantäneerreger nachgewiesen wurde. Ein Insektenfund allein beweist jedoch keine Infektion der Reben.
Symptome und Erkennung
Die unmittelbare Saugtätigkeit verursacht häufig unauffällige oder nur schwache, punktförmige Aufhellungen. Bei stärkerem Befall können Blätter vereinzelt chlorotisch wirken, und an der Blattunterseite sind kleine, flinke Nymphen oder adulte Zikaden zu finden. Das typische, wirtschaftlich wichtige Schadbild gehört jedoch nicht zur Zikade selbst, sondern zur von ihr übertragenen Goldgelben Vergilbung.
Bei infizierten Reben können je nach Rebsorte und Infektionszeitpunkt ungleichmäßiger Austrieb, eingerollte und vergilbende Blätter bei weißen Sorten beziehungsweise rötliche Verfärbungen bei roten Sorten, schlecht ausreifende oder gummiartig wirkende Triebe, verzögerte Holzreife, vertrocknende Gescheine und Beeren sowie Ertragsverlust auftreten. Ähnliche Symptome können auch durch die Schwarzholzkrankheit, Trockenstress oder andere Ursachen entstehen. Verdächtige Reben müssen amtlich untersucht werden.
Ursachen und Ausbreitung
Die Zikade breitet sich durch aktive Wanderung und durch Verbringung befallener Reben oder Pflanzenteile aus. Der entscheidende epidemiologische Vorgang ist die Aufnahme des Flavescence-dorée-Phytoplasmas beim Saugen an einer infizierten Rebe und die spätere Übertragung beim Saugen an einer gesunden Rebe.
Besonders riskant sind infiziertes Pflanzgut, Rebschulen, Muttergärten, verwilderte oder aufgegebene Rebanlagen und nicht entfernte Infektionsquellen. Die Zikade selbst ist nicht die Ursache der Goldgelben Vergilbung, sondern deren Überträger. Ein Nachweis der Zikade ohne Erregernachweis ist deshalb getrennt zu bewerten.
Lebenszyklus und Überdauerung
Die Art bildet in Mitteleuropa gewöhnlich eine Generation pro Jahr. Die Eier überwintern überwiegend in der Rinde mehrjähriger Rebtriebe, besonders in der Nähe von Knoten. Das Schlupfen beginnt meist ab Mai und kann sich bis in den Frühsommer erstrecken. Die Nymphen durchlaufen mehrere Stadien und halten sich bevorzugt an der Blattunterseite auf.
Die Entwicklung bis zum Adultstadium dauert unter günstigen Bedingungen ungefähr 40 Tage. Adulte Tiere erscheinen im Sommer, können sich in der Vegetation verteilen und später in benachbarte Reben einwandern. Die Weibchen legen anschließend die überwinternden Eier in jüngere, verholzte Triebe. Die jahreszeitlichen Termine verschieben sich in Deutschland je nach Weinbauregion und Witterungsverlauf; deshalb ist ein regionales Monitoring wichtiger als ein starrer Kalender.
Behandlung und Bekämpfung
Gegen das von der Zikade übertragene Phytoplasma gibt es keine kurative Behandlung der infizierten Rebe. Bei Verdacht auf Goldgelbe Vergilbung sind keine eigenmächtigen Rückschnitte oder Vermehrungsmaßnahmen angezeigt. Die Diagnose muss durch die zuständige Stelle beziehungsweise ein geeignetes Labor erfolgen.
Wird Scaphoideus titanus in einer relevanten Region nachgewiesen, richten sich Überwachung und Bekämpfung nach den aktuellen behördlichen Vorgaben. Mögliche Maßnahmen umfassen die gezielte Kontrolle der Nymphen- und Adultstadien, die Beseitigung von Infektionsquellen und die Kontrolle von Pflanzgut. Der Behandlungstermin muss an Monitoring und regionalen Warndienst angepasst werden; pauschale Spritzfolgen sind nicht sachgerecht.
Schonende und biologische Bekämpfung
Im ökologischen Weinbau sind vorbeugendes Monitoring, die Entfernung von Infektionsquellen und eine gute Bestands- und Randflächenhygiene die wichtigsten Bausteine. Gelbtafeln können zur Flugüberwachung eingesetzt werden, ersetzen aber keine fachkundige Kontrolle der Reben und keine amtliche Diagnose.
- Verwilderte oder aufgegebene Vitis-Bestände in unmittelbarer Nähe beobachten und, sofern rechtlich und praktisch möglich, als potenzielle Rückzugsorte berücksichtigen.
- Nur gesundes, rückverfolgbares und pflanzengesundheitlich geeignetes Pflanzgut verwenden; bei Risikobeständen die zuständigen Behörden oder Beratungsstellen einbeziehen.
- Nützlinge wie Raubmilben und andere natürliche Gegenspieler schonen, da breit wirkende Insektizide deren Bestände erheblich beeinträchtigen können.
- Im ökologischen Anbau ausschließlich aktuell zugelassene Mittel verwenden und deren begrenzte beziehungsweise stark terminabhängige Wirkung realistisch einschätzen.
Vorbeugung
- Reben regelmäßig kontrollieren und regionale amtliche Monitoring- sowie Warndienstmeldungen beachten.
- Gelbtafeln beziehungsweise andere geeignete Überwachungsverfahren nach Beratung fachgerecht einsetzen; Fänge dokumentieren und verdächtige Tiere bestimmen lassen.
- Nur kontrolliertes, gesundes Pflanzgut aus vertrauenswürdigen Quellen beziehen und keine unbekannten Reben oder Stecklinge aus Befallsgebieten verbringen.
- Verdächtige Reben nicht selbst vermehren oder weitergeben, sondern unverzüglich der zuständigen Pflanzenschutz- oder Pflanzengesundheitsbehörde melden.
- Infizierte Rebstöcke und gegebenenfalls weitere Pflanzen nur nach behördlicher Anweisung roden und vernichten; Schnittgut nicht zur Vermehrung verwenden.
- Verwilderte Vitis-Bestände, Rebschulen und Junganlagen im Umfeld besonders berücksichtigen.
Wissenswertes
- Scaphoideus titanus ist in Europa eng an Weinreben gebunden; für den vollständigen Entwicklungszyklus gelten vor allem Vitis-Arten als relevant.
- In Nordamerika werden besonders Vitis labrusca und Vitis riparia als wichtige Wirte genannt, während in Europa meist Vitis vinifera im Mittelpunkt steht.
- Die Art überträgt das Phytoplasma nicht bei jeder Nahrungsaufnahme: Sie muss den Erreger zuvor an einer infizierten Rebe aufnehmen; anschließend kann sie ihn nach einer Entwicklungsphase auf gesunde Reben übertragen.
- Unterlagen und verwilderte Reben können weniger auffällige Symptome zeigen und dadurch als unbemerkte Infektions- oder Vektorstandorte bedeutsam sein.
- Gelbtafeln dienen vor allem dem Nachweis und der Flugüberwachung. Für eine sichere Artbestimmung und die Bewertung eines Quarantäneverdachts reichen sie allein nicht aus.
Pflanzenschutzmittel dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie in Deutschland für die betreffende Kultur und den betreffenden Schaderreger beziehungsweise Verwendungszweck aktuell zugelassen oder amtlich genehmigt sind. Zulassungen, Anwendungsbestimmungen, Wartezeiten, Auflagen für Gewässer und Bestäuber sowie der aktuelle Rebschutz-Warndienst sind vor jeder Anwendung zu prüfen; stets gilt das aktuelle Etikett. Keine eigenständige Behandlung außerhalb behördlicher Monitoring- oder Bekämpfungsaufrufe.
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