Mutterkorn
Claviceps purpureaMutterkorn – Kurzüberblick
Mutterkorn ist eine durch den Schlauchpilz Claviceps purpurea verursachte Getreide- und Gräserkrankheit. Besonders gefährdet ist Roggen, daneben können unter anderem Triticale, Weizen, Gerste, Hafer und zahlreiche Süßgräser befallen werden. Anstelle einzelner Körner entstehen auffällige, dunkel violett-schwarze Sklerotien. Diese enthalten giftige Mutterkornalkaloide und sind für Mensch und Tier gesundheitlich relevant.
Typische Bedingungen
Überblick
Der Mutterkornpilz Claviceps purpurea befällt vor allem offene Blüten von Roggen und anderen Süßgräsern. Das Pilzmyzel zerstört den sich entwickelnden Fruchtknoten und bildet an seiner Stelle ein längliches, zunächst violett wirkendes und später dunkelbraun bis schwarz werdendes Sklerotium.
Im deutschen Getreidebau ist Roggen typischerweise am stärksten betroffen, weil seine Blüten zur Bestäubung vergleichsweise lange geöffnet bleiben. Triticale, Weizen, Gerste, Hafer und viele Futter- sowie Wildgräser können ebenfalls als Wirte dienen, meist mit unterschiedlicher Anfälligkeit.
Symptome und Erkennung
- Aus den Spelzen ragen längliche, horn- oder bananenförmige Sklerotien von violettschwarzer bis dunkelbrauner Farbe.
- Einzelne Körner fehlen; an ihrer Stelle sitzt das deutlich größere Mutterkorn.
- Während der Blüte kann an infizierten Ährchen zunächst klebriger, zuckerhaltiger Honigtau sichtbar sein.
- Bei Gräsern sind die Sklerotien oft kleiner und unauffälliger als bei Roggen und können im Erntegut oder in Grassamen erscheinen.
Eine sichere Diagnose anhand kleiner dunkler Verfärbungen allein ist nicht immer möglich. Verdächtige Ähren sollten deshalb insbesondere bei Saatgut- oder Futterbeständen fachlich geprüft werden.
Ursachen und Ausbreitung
Die Krankheit wird durch die Überdauerungssklerotien im Boden, im Erntegut und in befallenen Gräsern erhalten. Im Frühjahr bilden die Sklerotien Fruchtkörper mit Schläuchen und Ascosporen. Diese werden durch Wind auf blühende, offene Blüten verfrachtet. Nach der Primärinfektion entsteht Honigtau mit vielen Konidien, die durch Regen, Insekten und Kontakt zwischen Blüten weiter verbreitet werden.
Wichtige Infektionsquellen sind Ausfallgetreide, spät blühende oder schnittreife Ungräser, befallene Feldränder sowie ungeeignet gereinigtes Saatgut. Eine enge Folge anfälliger Getreidearten erhöht das Risiko.
Lebenszyklus und Überdauerung
- Sklerotien fallen bei der Ernte zu Boden oder gelangen mit Saatgut und Erntegut in neue Bestände.
- Nach einer feuchten, kühlen Überwinterungsphase keimen sie im Frühjahr und bilden kleine Fruchtkörper mit Perithezien.
- Zur Getreideblüte werden Ascosporen freigesetzt und infizieren offene Blüten, besonders Blüten mit längerer Öffnungsdauer.
- Das infizierte Ährchen scheidet zunächst Honigtau aus; darin entstehen ungeschlechtliche Konidien für Sekundärinfektionen.
- Der Fruchtknoten wird durch das Pilzgewebe ersetzt. Nach der Kornfüllungsphase reift das widerstandsfähige Sklerotium aus.
Behandlung und Bekämpfung
Bereits gebildete Sklerotien lassen sich an der Pflanze nicht kurativ zurückbilden. Befallene Bestände sollten getrennt geerntet, eindeutig gekennzeichnet und nicht ohne Prüfung verfüttert oder zur Lebensmittelherstellung verwendet werden. Erntegut und Saatgut müssen fachgerecht gereinigt und auf Mutterkorn beziehungsweise Mutterkornalkaloide untersucht werden.
Nach der Ernte sind eine wirksame Bodenbearbeitung, die Beseitigung von Ausfallgetreide und die Regulierung blühender Wirtgräser die wichtigsten Maßnahmen. Bei wiederholtem Befall sollte die Fruchtfolge angepasst und die Anbauentscheidung für besonders anfällige Kulturen überprüft werden.
Schonende und biologische Bekämpfung
- Fruchtfolge mit Nichtwirt-Kulturen wie Hack- oder Blattfrüchten einplanen.
- Sklerotien nach der Ernte tief genug einarbeiten und keine bodenschonende Bearbeitung wählen, bei der sie dauerhaft an der Oberfläche bleiben.
- Sauberes, geprüftes Saatgut einsetzen.
- Blühende Wirtgräser in und neben dem Bestand reduzieren; bei Blühstreifen keine bekannten Wirtgräser für Mutterkorn aussäen.
- Erntegut mechanisch reinigen und befallene Partien getrennt halten.
Biologische Präparate oder Hausmittel mit verlässlich nachgewiesener Wirkung gegen Mutterkorn stehen für die praktische Anwendung nicht als allgemein abgesicherte Standardmaßnahme zur Verfügung.
Vorbeugung
- Anfällige Kulturen, insbesondere Roggen, nicht zu eng hintereinander anbauen; eine mehrjährige Unterbrechung durch Nichtwirt-Kulturen wie Blattfrüchte kann den Infektionsdruck senken.
- Zertifiziertes, gereinigtes Saatgut verwenden und Erntegut nicht ungeprüft als Saatgut zurücklegen.
- Sklerotien nach der Ernte durch geeignete Bodenbearbeitung in etwa 5–10 cm Tiefe einarbeiten; eine oberflächennahe Ablage begünstigt die Keimung.
- Ausfallgetreide, blühende Ungräser und befallene Gräser an Feldrändern, in Zwischenfrüchten und in problematischen Blühstreifen frühzeitig reduzieren.
- Sorten mit geringerer Anfälligkeit und gleichmäßiger, möglichst kurzer Blühphase bevorzugen, sofern für den Standort verfügbar.
- Bei Futter- und Saatgutbeständen Erntepartien kontrollieren und Mutterkorn konsequent aussortieren lassen.
Wissenswertes
- Das sichtbare Mutterkorn ist nicht der Fruchtkörper, sondern das widerstandsfähige Überdauerungsstadium des Pilzes.
- Claviceps purpurea besitzt einen sehr breiten Wirtsbereich mit mehreren hundert dokumentierten Süßgrasarten; die praktische Bedeutung unterscheidet sich jedoch stark zwischen den Wirten.
- Roggen gilt unter den Getreidearten als besonders gefährdet, weil seine Fremdbefruchtung mit lange geöffneten Blüten die Infektion erleichtert.
- Sklerotien können Ergotalkaloide enthalten. Befallenes Getreide und belastete Futtermittel sind deshalb nicht nur ein pflanzenbauliches, sondern auch ein lebensmittel- und futterhygienisches Problem.
Für Mutterkorn ist kein pauschales Fungizidprogramm zu empfehlen. Pflanzenschutzmittel dürfen in Deutschland ausschließlich verwendet werden, wenn sie für die betreffende Kultur und Anwendung gesetzlich zugelassen beziehungsweise genehmigt sind. Maßgeblich ist stets die aktuelle Zulassung und das aktuelle Etikett des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit; Anwendungsbestimmungen, Wartezeiten und Auflagen sind genau einzuhalten. Vorbeugende Fruchtfolge-, Hygiene- und Bodenbearbeitungsmaßnahmen sind entscheidend.
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